Der Fokus von DARKER SKY liegt auf der Natur, während bislang vor allem menschliche Bedürfnisse beim Einsatz von Licht berücksichtigt wurden – mit der Folge einer rasanten Lichtzunahme. Manches Licht trägt dabei tatsächlich zur Lebensqualität bei, anderes nicht. „Unter Lichtverschmutzung verstehen wir unnützes Licht, das keine Funktion erfüllt“, erklärt Liedtke. Zumindest das gelte es zu reduzieren, denn die allgegenwärtige Helligkeit hat gravierende Folgen für die Natur: „Indem wir unser Lichtbedürfnis erfüllen, nehmen wir anderen die für sie notwendige Dunkelheit.“ Wird der natürliche Tag-Nacht-Rhythmus überstrahlt, gerät der biologische Taktgeber von Tieren und Pflanzen durcheinander. Dauerlicht bedeutet Stress für Pflanzen, tagaktive Tiere finden keine Ruhe, nachtaktive kein Futter. Der „Startschuss“ zur Jagd oder Nahrungssuche beim natürlichen Wechsel von Hell zum Dunkel oder umgekehrt bleibt aus.
„Für die Biodiversität ist das verheerend“, erklärt Liedtke. „Und wir reden hier auch von der Nahrung auf unseren Tellern.“ Lichtverschmutzung wurde als ein Grund für das fortschreitende Insektensterben identifiziert. Insekten aber spielen eine wichtige Rolle bei der Bestäubung vieler Pflanzenarten, was zu ernsten Folgen bei der weltweiten Nahrungsmittelproduktion führen kann. „Dieser Aspekt wird schnellere Auswirkungen auf uns haben als der Klimawandel“, ist Liedtke überzeugt. Auch der Mensch leidet unter einem gestörten Tag-Nacht-Rhythmus. Die möglichen Folgen reichen von Schlafstörungen über Depressionen bis hin zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Gegen all das sucht DARKER SKY Lösungen, überregional und interdisziplinär.
Gegen die Angst vor finsteren Gestalten
„Es geht hier nicht um neue Erkenntnisse zu den Folgen von Lichtverschmutzung“, erklärt Liedtke. „Sondern vor allem um eine erfolgreiche Kommunikationsmethodik, um bestehendes Wissen zu transportieren.“ Das dreiköpfige Team der HAW Hamburg – neben Carolin Liedtke sind Roland Greule, Professor für Licht- und Beleuchtungstechnik, und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Anna Carena Mosler dabei – entwickelt dazu Vorgaben für eine einheitliche Messmethodik, um verschiedene Beleuchtungssituationen zu erfassen. Denn auch im französischen Brest, im dänischen Aarhus und im niederländischen Groningen werden im Zuge des Projekts Lichtveränderungen gemessen, und die Ergebnisse müssen vergleichbar sein – ganz gleich, ob es sich um eine Stadt wie Brest mit rund 140.000 Einwohner*innen handelt oder um eine Metropole mit mehr als 1,8 Millionen Einwohner*innen wie Hamburg. „Außerdem arbeiten wir mit dem Bezirksamt Altona an zwei Demonstrations-Standorten, um neue Beleuchtungstechnologien zu testen und ein Umweltmonitoring vorzunehmen“, so Greule. Konkret werden etwa Klebefallen aufgestellt, um die Population von Insekten zu messen, oder Voice-Recorder, um festzustellen, zu welcher Uhrzeit Vögel anfangen zu singen.
Die HAW Hamburg hat es sich zur Aufgabe gemacht, umweltgerechte Lichtkonzepte nachhaltig zu kommunizieren, und zwar mit interaktiven Ansätzen. Neben dem Touchscreen-Tisch kommt da „Digital Reality“ zum Einsatz. „Das ist ein Kunstwort und umfasst die Bereiche Virtual Reality, Augmented Reality und Mixed Reality“, erklärt Greule. Im Forschungs- und Transferzentrum Digital Reality (FTZ DR) lässt sich mit Virtual-Reality-Simulationen erleben, wie etwa neue Außenleuchten wirken: In welcher Höhe bringen die Leuchten mit welcher Lichtstärke den optimalen Nutzen? Und ist nicht vielleicht jede zweite Leuchte verzichtbar? Oder wäre das eine zwar kostengünstige, aber am Ende doch zu finstere Entscheidung? Denn wenn nicht genug Licht auf den Gehweg fällt, steigt die Stolpergefahr – und die (begründete oder unbegründete) Angst vor finsteren Gestalten in dunklen Ecken. Solche Ecken lassen sich aber oft durch eine geschickte Ausrichtung des Lichts ausleuchten – mehr Licht muss nicht immer die Lösung sein. Zu wenig allerdings auch nicht. Das alles lässt sich im FTZ DR testen.
Emotionen sind wichtig
„Das Faszinierende an Virtual Reality ist: Die Eindrücke wirken sehr real und erzeugen wiederum ganz reale Emotionen“, weiß Roland Greule, der auch Leiter des FTZ DR ist. Und Emotionen sind wichtig, schließlich will DARKER SKY für die Thematik Empathie erzeugen, um eine nachhaltige Veränderung zu erreichen. Dabei wollen die Macher*innen des Projekts den Menschen keineswegs den Spaß verderben, wenn etwa bei Events wie dem „Blue Port“ der Hamburger Hafen in blauem Licht erstrahlt – was zwar schön, aber funktional nicht notwendig ist. „Aber wenn wir uns am blauen Event-Licht erfreut haben, könnte das ein zusätzlicher Anstoß sein, an anderer Stelle Licht zu sparen, im Sinne eines Lichtbudgets“, schlägt Carolin Liedtke vor.
„Es geht auch nicht um die totale Dunkelheit. Darum heißt das Projekt ja DARKER SKY, nicht DARK SKY,“ so Greule. „Vielmehr geht es um eine Balance, die Natur und menschliche Bedürfnisse in Einklang bringt. Also um mehr Sensibilität im Umgang mit Licht.“ Die ist in Hamburg teilweise bereits vorhanden. Es gibt etwa Lichtkonzepte für die Speicherstadt und die Binnenalster. „Aber einen Masterplan für die ganze Stadt gibt es noch nicht. Das wollen wir ändern“, sind sich Carolin Liedtke und Roland Greule einig.
Text: Yvonne Scheller
AKTUELLER HINWEIS:
REINGEFORSCHT! Zum Thema DARKER SKY
Fr., 20.02.2026, 16:00 – 18:00 Uhr
Zentralbibliothek | Hühnerposten 1